Die aktuelle Debatte wirft ein Licht auf die Lebensrealitäten von armutsbetroffenen Menschen und einen Bereich, der mit hoher Treffsicherheit und Wirkung dagegenhält: die karitative, kostenfreie Lebensmittelhilfe.

Kostenfreie Lebensmittelweitergabe

Die aktuelle Diskussion rund um die Inflation bei Lebensmitteln lenkt den Blick zwangsläufig auf eine Gruppe in unserer Gesellschaft, die seit vielen Jahren massiv unter der Teuerung der Lebenshaltungskosten leidet: armutsbetroffene Menschen. Laut Statistik Austria sprechen wir dabei von rund 336.000 Personen in Österreich, darunter 66.000 Kinder und Jugendliche. Die Zahl hat sich von 2021 auf 2023 verdoppelt, stagniert seitdem auch 2024 auf demselben, hohen Niveau und zeigt somit, dass hier eine nicht zu vernachlässigende Gruppe von Menschen offensichtlich große Probleme damit hat, ihren Alltag mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln zu meistern.

Eine Studie des Sozialministeriums aus 2023 zeigt weiters, dass diese Menschen jeden Cent doppelt umdrehen und dass bei Lebensmitteln üblicherweise am meisten gespart wird (während Miete und Energiekosten als Fixkosten praktisch gesetzt sind).

Zahlen einer Studie der Gesundheit Österreich GmbH aus dem Jahr 2024 sprechen von rund 420.000 Personen, die in Österreich unter schwerer Ernährungsarmut leiden.  Bei diesen Personen ist der Kühlschrank leer, sie lassen Mahlzeiten aus.

Die neuesten Zahlen der Statistik Austria (Erhebung: „So geht’s uns heute“) kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Als Hauptgrund für ein schlechteres Auskommen mit dem Einkommen nannten 24,4 % unter den 33 % aller Befragten, die eine Verschlechterung ihrer finanziellen Situation wahrgenommen haben, höhere Ausgaben für Lebensmittel.  339.000 Erwachsene geben an, sich nicht jeden zweiten Tag eine Hauptmahlzeit leisten zu können, ebenso und besonders erschreckend betroffen: 104.000 Kinder und Jugendliche.

Heute Maßnahmen setzen und schon morgen davon profitieren

Die Daten zeigen eindeutig, dass in dieser Gruppe unserer Gesellschaft schon länger akuter Handlungsbedarf besteht. Diesen hat auch die jetzige Regierung in ihrem Regierungsprogramm erkannt und so findet sich im Regierungsprogramm an vielen Stellen der Punkt: „Maßnahmen gegen die Teuerung“.

Während allerdings alle auch jetzt gerade in der Öffentlichkeit diskutierten Maßnahmen bestenfalls mittelfristig tatsächlich im Geldbörsel von armutsbetroffenen Menschen ankommen, halten wir als Die Tafel Österreich von Anbeginn der Krisen in 2020 akut dagegen. Aber auch bei uns hat sich die Zahl der Menschen in sozialen Einrichtungen, die auf kostenfreie Lebensmittelhilfe angewiesen sind, in den letzten Jahren verdoppelt und teilweise erschweren darüber hinaus von der Politik in den letzten Jahren gesetzte Maßnahmen unsere Arbeit massiv.

Blick nach Europa zeigt: Wir könnten viel mehr Lebensmittel umverteilen

Unsere internationale Vernetzung im globalen und europäischen Tafelnetzwerk zeigt uns: Jene Länder, welche die Arbeit von Tafelorganisationen fördern, haben die Nase bei weitem vorne, wenn es um die Menge an umverteilten, geretteten Lebensmitteln geht. In Österreich hinken wir dahingehend stark hinterher, dagegen wäre es sehr rasch, kostengünstig und treffsicher möglich, unsere Arbeit zu fördern, was wiederum schon morgen einen Einfluss auf die Menge an umverteilten Lebensmitteln und an kostenfreien Mahlzeiten für armutsbetroffene Menschen bedeuten könnte.

Dafür braucht es – neben finanzieller Unterstützung – insbesondere folgende Maßnahmen:

  1. eine rechtliche Vereinfachung der karitativen Lebensmittelweitergabe
  2. einen Vorrang der karitativen Lebensmittelweitergabe vor kommerziellen Initiativen

Wir sehen in unserem europäischen Tafelnetzwerk, dass durch solche Maßnahmen weitaus größere Mengen an Lebensmitteln an armutsbetroffene Menschen umverteilt werden könnten als bisher. Denn das Tafelmodell ist generell sehr rasch und kostengünstig skalierbar, wir kämpfen allerdings in den letzten Jahren, so wie viele anerkannte Sozialorganisationen, mit der schleichenden Kommerzialisierung eines nicht-kommerziellen Bereichs – ein Österreich-Spezifikum, das in anderen Ländern nicht so überhandgenommen hat wie hierzulande.

Darüber hinaus ist auch in den EU Food Donation Guidelines und der EU Food Waste Hierarchie sogar auf europäischer Ebene unmittelbar und klar geregelt, dass Lebensmittel-Überschüsse armutsbetroffenen Menschen zugutekommen sollen. Eine Einhaltung dieser bestehenden Richtlinien könnte rasch und wirkungsvoll einen großen Schub in der Menge an Lebensmitteln, die schon morgen an armutsbetroffene Menschen zusätzlich umverteilt werden können, bedeuten.

Politik ist gefordert

Die Politik ist in Österreich, genauso wie beim Rechtsrahmen, dringend gefordert, uns die Arbeit zu erleichtern und den Rücken frei zu halten, damit wir mit vollem Fokus unsere Mission erfüllen und den sozialen Mehrwert geretteter Lebensmittel maximieren können. Denn jedes überschüssige Lebensmittel wird dringend von jenen Menschen benötigt, die wir in Partnerschaft mit sozialen Einrichtungen kostenfrei versorgen. Diese Ressourcenschonung hilft gleichzeitig auch der Umwelt und schafft Bewusstsein in der allgemeinen Bevölkerung für den Wert unserer Lebensmittel.

Ohne einen Gleichklang in der Betrachtung im Sinne von ökologischer-sozialer-ökonomischer Nachhaltigkeit gleichermaßen wird es allerdings immer schwieriger, unserer Arbeit nachzugehen. Und eine eindimensionale Betrachtung von Nachhaltigkeit wird das Problem nur verschärfen, nicht lösen. Leidtragende sind dabei die rund 336.000 armutsbetroffenen Menschen, die hier und heute auf unsere Unterstützung zählen.

Als Die Tafel Österreich waren wir in den letzten 26 Jahren immer dann v. a. in Krisen am erfolgreichsten, wenn wir gemeinsam mit unseren Partner:innen an einem Strang für unsere Gesellschaft gezogen haben und alle Partner:innen über den Tellerrand das große Ganze gesehen haben, um das es eigentlich geht. Wir stehen auch weiterhin gemeinsam mit unseren vielen ehrenamtlichen Helfer:innen bereit, uns für unsere Gesellschaft und die beiden Stakeholder armutsbetroffene Menschen und Umwelt, die oft zu wenig Stimme haben, einzusetzen – denn der Hut brennt jetzt und erfordert rasch wirksame Gegenmaßnahmen für jene Menschen, die in Armut leben und nicht wissen, wie sie sich und ihre Kinder angemessen, geschweige denn gesund und ausgewogen ernähren können.

Publikationen:

Statistik Austria: So geht’s uns heute

Statistik Austria: Armut

Gesundheit Österreich GmbH: Ernährungsarmut in Österreich als Barriere für eine gesunde und klimafreundliche Ernährung

Dawid, Heitzmann, Staudinger (2023): Die sozialen Folgen der Inflation