Tralalobe Haus Wien Josefstadt (W)

Ein Zuhause auf Zeit – und Lebensmittel, die den Unterschied machen

Rund 60 geflüchtete Menschen finden im Tralalobe Haus Wien Josefstadt ein Zuhause auf Zeit – mit dem Ziel, sich in Österreich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Die Lebensmittelspenden von Die Tafel Österreich entlasten ihr knappes Budget und schaffen ein Stück Normalität im Alltag.

Das Haus am Gürtel wirkt unscheinbar. Von außen deutet wenig darauf hin, welche Geschichten sich hinter seinen Türen verbergen. Im Tralalobe Haus Wien Josefstadt leben rund 60 Menschen, die eines verbindet: Sie mussten ihre Heimat verlassen und versuchen nun, in Österreich neu anzufangen.

Familien, junge Erwachsene, queere Asylwerbende, psychisch belastete Menschen, unbegleitete minderjährige Geflüchtete und Frauen mit ihren Kindern finden hier ein vorübergehendes Zuhause. Tralalobe Josefstadt begleitet sie dabei mit unabhängiger und fairer Rechtsberatung, geschütztem Wohnraum in selbstständigen Wohneinheiten sowie zwei WGs, Deutschkursen, Unterstützung bei der Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche sowie bei persönlichen Anliegen, u. a. durch psychologische Betreuung.

„Im Fokus standen bei uns immer geflüchtete Menschen“, erzählt Johanna Singer, Leiterin des Tralalobe Hauses Wien Josefstadt. Der Verein wurde ursprünglich in Niederösterreich gegründet und betreibt heute zusätzlich mehrere Standorte in Wien. Das Ziel: Menschen nach oft traumatischen Fluchterfahrungen Stabilität und Perspektiven zu bieten und sie in ein selbstbestimmtes Leben zu begleiten.

Doch neben Wohnraum und Beratung beschäftigt die Bewohner:innen vor allem eine ganz grundlegende Frage: Wie lässt sich der Alltag mit sehr wenig Geld bewältigen?

240 Euro im Monat

Viele Bewohner:innen verfügen über lediglich 240 Euro pro Monat. Davon müssen Lebensmittel, Kleidung, Mobilität und alle weiteren Ausgaben des täglichen Lebens bezahlt werden. Besonders schwierig sei die Situation für Einzelpersonen, erklärt Sozialarbeiterin Christina Krenn. Während Familien ihre finanziellen Mittel bündeln können, bleibt Alleinstehenden oft kaum Spielraum.

Umso wichtiger sind Lebensmittelspenden. Einmal pro Woche werden gerettete Lebensmittel bei der Tafel Österreich abgeholt und im Haus verteilt. Damit werden nicht nur die Bewohner:innen des Hauses versorgt, sondern auch Menschen aus dem mobil betreuten Wohnen sowie an weiteren Tralalobe-Standorten.

Im Erdgeschoss lagern die Lebensmittel in einem kleinen Vorratsraum, bevor sie verteilt werden. Dass die Verteilung heute möglichst fair abläuft, ist das Ergebnis vieler Erfahrungen.

„Wir haben im Laufe der Jahre unterschiedliche Modelle ausprobiert“, erzählt Johanna Singer. Während die Lebensmittel früher teilweise zur freien Entnahme bereitstanden, zeigte sich spätestens während der Corona-Pandemie, dass klare Strukturen notwendig sind. Heute kümmert sich eine engagierte Bewohnerin darum, dass alle etwas bekommen und die Lebensmittel gerecht verteilt werden.

Der Bedarf ist groß. Viel größer als das, was Woche für Woche geliefert werden kann.

„Alles, was kommt, wird dringend benötigt“, sagt Christina Krenn. Besonders gefragt sind haltbare Lebensmittel, aber auch Hygieneprodukte wie Waschmittel oder Damenhygieneartikel. Dinge, die für viele Menschen selbstverständlich sind, stellen für die Bewohner:innen oft eine erhebliche finanzielle Belastung dar.

Je strukturierter die Verteilung organisiert wird, desto mehr Aufwand bedeutet das allerdings auch. Häufig übernehmen Zivildienstleistende diese Aufgabe. Ohne ihre Unterstützung wäre die Lebensmittelausgabe im Haus kaum zu bewältigen. 

Tralalobe Josefstadt - Zu Besuch bei Valerii und seiner Frau

Lebensmittelhilfe entlasten und gibt Sicherheit

Wie wichtig diese Hilfe ist, zeigt sich in einer kleinen Wohneinheit im Haus. Auf dem Fensterbrett stehen sorgfältig gepflegte Zimmerpflanzen. In der Küche hat alles seinen Platz. Kartoffeln und Zwiebeln liegen ordentlich bereit, auf dem kleinen runden Tisch am Fenster steht eine Schale mit frischem Obst und Gemüse.

Hier lebt ein Ehepaar aus der Ukraine. Ihre Heimatstadt liegt unweit der Front. Sie mussten vor dem Krieg fliehen und versuchen heute, sich in Wien ein neues Leben aufzubauen.

Sie freuen sich über jede Lebensmittellieferung. Besonders über Spaghetti, Zitronen sowie frisches Obst und Gemüse. Manchmal kaufen sie zusätzlich im Supermarkt ein, wenn etwas fehlt. Doch ein großer Teil ihrer Lebensmittel stammt aus den Spenden.

Für die beiden bedeuten die Lebensmittel weit mehr als nur eine finanzielle Entlastung. Sie geben Sicherheit in einem Alltag, der noch immer von Unsicherheit geprägt ist.

Auch Svitlana kennt diese Situation. Die gebürtige Ukrainerin lebt gemeinsam mit mehreren Frauen unterschiedlicher Herkunft und deren Kindern in einer Wohngemeinschaft. Halt gibt ihr nicht nur das Zusammenleben, sondern auch die Nähe zu ihrer Tochter, die ebenfalls in Wien lebt. Anfangs wohnte auch sie bei Tralalobe, mittlerweile arbeitet sie und hat eine eigene Wohnung gefunden.

Svitlana besitzt derzeit einen Aufenthaltstitel bis März 2027. Wie es danach weitergeht, weiß sie nicht. Ihr Wunsch: In Österreich bleiben. In ihrer Heimat wartet kein Zuhause und keine Familie mehr auf sie. Im Tralalobe Haus findet sie Ruhe und erhält wichtige psychologische Behandlung. Das Wichtigste für sie sei jedoch etwas anderes: „Dass meine Kinder in Sicherheit sind.“

Sie spricht über die Herausforderungen des Ankommens und davon, welche Bedeutung die Unterstützung durch Tralalobe und die Lebensmittelspenden für ihren Alltag haben: 

„Die Lebensmittelspenden machen mein Leben ein bisschen leichter. Wöchentlich bekomme ich Grundnahrungsmittel wie Mehl, Nudeln oder Gemüse. Zusätzlich kaufe ich im Sozialmarkt ein. Ich bin allein, ich brauche nicht viel.“

Svitlana (Bewohnerin Tralalobe Haus Wien Josefstadt)

Gleichzeitig betont sie: „Alle Lebensmittel, die wir bekommen, sind nötig.“

Ähnliche Erfahrungen macht Irina*. Sie ist 2015 von Russland nach Österreich gekommen. Ihr Asylantrag wurde mehrfach abgelehnt. Derzeit versucht ihr Anwalt, neue Möglichkeiten zu finden, damit sie im Land bleiben kann. Auch für sie sind die regelmäßigen Lebensmittelspenden eine wichtige Unterstützung.

Für die Mitarbeiterinnen von Tralalobe sind solche Geschichten tägliche Realität. Sie erleben, wie viel eine Kiste mit geretteten Lebensmitteln bewirken kann – nicht nur finanziell, sondern auch menschlich.

Die Lebensmittel der Tafel Österreich helfen dabei, das knappe Budget der Bewohner:innen zu entlasten. Gleichzeitig verhindern sie, dass einwandfreie Lebensmittel verschwendet werden.

„Wir finden die Arbeit der Tafel Österreich unglaublich wichtig“, betonen Johanna Singer und Christina Krenn. Die Unterstützung habe gleich in mehrfacher Hinsicht einen großen Wert: Lebensmittel werden vor der Verschwendung bewahrt und kommen gleichzeitig Menschen zugute, die sie dringend benötigen. Für viele Bewohner:innen bedeuten die Spenden weit mehr als eine finanzielle Entlastung. Sie schaffen ein Stück Normalität, Sicherheit und Zuversicht – auf dem Weg in ein neues Leben.

*Name geändert